31. Das blaue Licht
Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre treu gedient: Als aber
der Krieg zu Ende war und der Soldat, der vielen Wunden wegen, die er empfangen
hatte, nicht weiter dienen konnte, sprach der König zu ihm "Du kannst heim
gehen, ich brauche dich nicht mehr: Geld bekommst du weiter nicht, denn Lohn
erhält nur der, welcher mir Dienste dafür leistet."
Da wusste der Soldat nicht, womit er sein Leben fristen sollte: Ging voll Sorgen
fort und ging den ganzen Tag, bis er abends in einen Wald kam. Als die
Finsternis einbrach, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem
Haus, darin wohnte eine Hexe. "Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig Essen
und Trinken" sprach er zu ihr, "ich verschmachte sonst." "Oho!" antwortete sie,
"wer gibt einem verlaufenen Soldaten etwas? doch will ich barmherzig sein und
dich aufnehmen, wenn du tust, was ich verlange." "Was verlangst du?" fragte der
Soldat. "Dass du mir morgen meinen Garten umgräbst." Der Soldat willigte ein und
arbeitete den folgenden Tag aus allen Kräften, konnte aber vor Abend nicht
fertig werden. "Ich sehe wohl", sprach die Hexe, "dass du heute nicht weiter
kannst, aber ich will dich noch eine Nacht behalten, dafür sollst du mir morgen
ein Fuder Holz spalten und klein machen."
Der Soldat brauchte dazu den ganzen Tag, und abends machte ihm die Hexe den
Vorschlag, noch eine Nacht zu bleiben. "Du sollst mir morgen nur eine geringe
Arbeit tun, hinter meinem Hause ist ein alter wasserleerer Brunnen, in den ist
mir mein Licht gefallen, es brennt blau und verlischt nicht, das sollst du mir
wieder heraufholen." Den andern Tag führte ihn die Alte zu dem Brunnen und ließ
ihn in einem Korb hinab. Er fand das blaue Licht und machte ein Zeichen, dass
sie ihn wieder hinaufziehen sollte. Sie zog ihn auch in die Höhe, als er aber
dem Rand nahe war, reichte sie die Hand hinab und wollte ihm das blaue Licht
abnehmen. "Nein", sagte er und merkte ihre bösen Gedanken, "das Licht gebe ich
dir nicht eher, als bis ich mit beiden Füßen auf dem Erdboden stehe." Da geriet
die Hexe in Wut, ließ ihn wieder hinab in den Brunnen fallen und ging fort. Der
arme Soldat fiel, ohne Schaden zu nehmen, auf den feuchten Boden, und das blaue
Licht brannte fort, aber was konnte ihm das helfen? Er sah wohl, dass er dem Tod
nicht entgehen würde. Er saß eine Weile ganz traurig, da griff er zufällig in
seine Tasche und fand seine Tabakspfeife, die noch halb gestopft war. "Das soll
mein letztes Vergnügen sein" dachte er, zog sie heraus, zündete sie an dem
blauen Licht an und fing an zu rauchen. Als der Dampf in der Höhle umhergezogen
war, stand auf einmal ein kleines schwarzes Männchen vor ihm und fragte "Herr,
was befiehlst du?"
"Was habe ich dir zu befehlen?", erwiderte der Soldat ganz verwundert. "Ich muss
alles tun", sagte das Männchen, "was du verlangst." "Gut" sprach der Soldat, "so
hilf mir zuerst aus dem Brunnen." Das Männchen nahm ihn bei der Hand und führte
ihn durch einen unterirdischen Gang, vergaß aber nicht, das blaue Licht
mitzunehmen.
Es zeigte ihm unterwegs die Schätze, welche die Hexe zusammengebracht und da
versteckt hatte, und der Soldat nahm so viel Gold, als er tragen konnte. Als er
oben war, sprach er zu dem Männchen "nun geh hin, bind die alte Hexe und führe
sie vor das Gericht." Nicht lange, so kam sie auf einem wilder Kater mit
furchtbarem Geschrei schnell wie der Wind vorbei geritten, und es dauerte
abermals nicht lang, so war das Männchen zurück, "Es ist alles ausgerichtet"
sprach es, "und die Hexe hängt schon am Galgen - Herr, was befiehlst du weiter?"
fragte der Kleine. "In dem Augenblick nichts", antwortete der Soldat, "du kannst
nach Haus gehen: sei nur gleich bei der Hand, wenn ich dich rufe." "Es ist
nichts nötig", sprach das Männchen, "als dass du deine Pfeife an dem blauen
Licht anzündest, dann stehe ich gleich vor dir." Darauf verschwand es vor seinen
Augen.
Der Soldat kehrte in die Stadt zurück, aus der er gekommen war. Er ging in den
besten Gasthof und ließ sich schöne Kleider machen, dann befahl er dem Wirt, ihm
ein Zimmer so prächtig als möglich einzurichten. Als es fertig war und der
Soldat es bezogen hatte, rief er das schwarze Männchen und sprach "Ich habe dem
König treu gedient, er aber hat mich fortgeschickt und mich hungern lassen,
dafür will ich jetzt Rache nehmen." "Was soll ich tun?" fragte der Kleine. "Spät
abends, wenn die Königstochter im Bette liegt, so bring sie schlafend hierher,
sie soll Mägdedienste bei mir tun." Das Männchen sprach "Für mich ist das ein
leichtes, für dich aber ein gefährliches Ding, wenn das herauskommt, wird es dir
schlimm ergehen." Als es zwölf geschlagen hatte, sprang die Türe auf, und das
Männchen trug die Königstochter herein. "Aha, bist du da?" rief der Soldat,
"frisch an die Arbeit! Geh, hol den Besen und kehr die Stube." Als sie fertig
war, hieß er sie zu seinem Sessel kommen, streckte ihr die Füße entgegen und
sprach "Zieh mir die Stiefel aus", warf sie ihr dann ins Gesicht, und sie musste
sie aufheben, reinigen und glänzend machen. Sie tat aber alles, was er ihr
befahl, ohne Widerstreben, stumm und mit halbgeschlossenen Augen. Bei dem ersten
Hahnschrei trug sie das Männchen wieder in das königliche Schloss und in ihr
Bett zurück.
Am andern Morgen, als die Königstochter aufgestanden war ging sie zu ihrem Vater
und erzählte ihm, sie hätte einen wunderlichen Traum gehabt, "Ich ward durch die
Straßen mit Blitzesschnelle fort getragen und in das Zimmer eines Soldaten
gebracht, dem musste ich als Magd dienen und aufwarten und alle gemeine Arbeit
tun, die Stube kehren und die Stiefel putzen. Es war nur ein Traum, und doch bin
ich so müde, als wenn ich wirklich alles getan hätte." "Der Traum könnte wahr
gewesen sein", sprach der König, "Ich will dir einen Rat geben, stecke deine
Tasche voll Erbsen und mache ein klein Loch in die Tasche, wirst du wieder
abgeholt, so fallen sie heraus und lassen die Spur auf der Straße." Als der
König so sprach, stand das Männchen unsichtbar dabei und hörte alles mit an.
Nachts, als es die schlafende Königstochter wieder durch die Straßen trug,
fielen zwar einzelne Erbsen aus der Tasche, aber sie konnten keine, Spur machen,
denn das listige Männchen hatte vorher in allen Straßen Erbsen verstreut. Die
Königstochter aber musste wieder bis zum Hahnenschrei Mägdedienste tun. Der
König schickte am folgenden Morgen seine Leute aus, welche die Spur suchen
sollten, aber es war vergeblich, denn in allen Straßen saßen die armen Kinder
und lasen Erbsen auf und sagten "Es hat heut Nacht Erbsen geregnet." "Wir müssen
etwas anderes aussinnen", sprach der König, "Behalt deine Schuh an, wenn du dich
zu Bett legst, und ehe du von dort zurückkehrst, verstecke einen davon; Ich will
ihn schon finden."
Das schwarze Männchen vernahm den Anschlag, und als der Soldat abends verlangte,
er sollte die Königstochter wieder herbei tragen, riet es ihm ab und sagte,
gegen diese List wüsste es kein Mittel, und wenn der Schuh bei ihm gefunden
würde, so könnte es ihm schlimm ergehen. "Tue, was ich dir sage," erwiderte der
Soldat, und die Königstochter musste auch in der dritten Nacht wie eine Magd
arbeiten. Sie versteckte aber, ehe sie zurückgetragen wurde, einen Schuh unter
das Bett. Am andern Morgen ließ der König in der ganzen Stadt den Schuh seiner
Tochter suchen.
Er ward bei dem Soldaten gefunden und der Soldat selbst, der sich auf Bitten des
Kleinen zum Tor hinaus gemacht hatte, ward bald eingeholt und ins Gefängnis
geworfen. Er hatte sein Bestes bei der Flucht vergessen, das blaue Licht und das
Gold, und hatte nur noch einen Dukaten in der Tasche. Als er nun mit Ketten
belastet an dem Fenster seines Gefängnisses stand, sah er einen seiner Kameraden
vorbeigehen. Er klopfte an die Scheibe, und als er herbeikam, sagte er "Sei so
gut und hol mir das kleine Bündelchen, das ich in dem Gasthaus habe liegen
lassen, ich gebe dir dafür einen Dukaten." Der Kamerad lief hin, und brachte ihm
das Verlangte. Sobald der Soldat wieder allein war, steckte er seine Pfeife an
und ließ das schwarze Männchen kommen. "Sei ohne Furcht," sprach es zu seinem
Herrn, "geh hin, wo sie dich hinführen, und lass alles geschehen, nimm nur das
blaue Licht mit." Am andern Tag ward Gericht über den Soldaten gehalten, und
obgleich er nichts Böses getan hatte, verurteilte ihn der Richter doch zum Tode.
Als er nun hinausgeführt wurde, bat er den König um eine letzte Gnade. "Was für
eine?" fragte der König. "Dass ich auf dem Weg noch eine Pfeife rauchen darf."
"Du kannst drei rauchen", antwortete der König, "aber glaube nicht, dass ich dir
das Leben schenke."
Da zog der Soldat seine Pfeife heraus und zündete sie an dem blauen Licht an,
und wie ein paar Ringel vom Rauch aufgestiegen waren, so stand schon das
Männchen da hatte einen kleinen Knüppel in der Hand und sprach "Was befiehlt
mein Herr?" "Schlag mir da die falschen Richter und ihre Häscher zu Boden, und
verschone auch den König nicht, der mich so schlecht behandelt hat." Da fuhr das
Männchen wie der Blitz, zickzack, hin und her, und wen es mit seinem Knüppel nur
anrührte, der fiel schon zu Boden und getraute sich nicht mehr zu regen. Dem
König ward Angst, er legte sich auf das Bitten, und um nur das Leben zu
behalten, gab er dem Soldaten das Reich und seine Tochter zur Frau.