29. Die sieben Hexen
Es war einmal ein Fischer. Jeden Morgen wunderte er sich aufs neue darüber, dass
sein Boot nass geworden war, geradeso, als habe sich jemand seiner während der
Nacht bedient. Um zu erfahren, was es damit auf sich habe, versteckte er sich
eines Nachts hinter einer Düne, unweit der Stelle, an der sein Boot lag. Als es
Mitternacht schlug, hörte er auf einmal Stimmen und Gelächter. Er riss seine
Augen weit auf und gewahrte einer Schar von Frauen. Sie trugen lange Kleider,
und jede hatte ein kleines Licht bei sich. Sie stiegen in sein Boot, und er
hörte, wie eine sagte: "Einer für die eins, einer für die zwei, einer für die
drei, einer für die vier, einer für die fünf, einer für die sechs, einer für die
sieben." Beim letzten Wort war das Boot verschwunden, wie Rauch im Wind.
Am andern Morgen aber lag es wieder an der gleichen Stelle und wieder war es,
wie gewöhnlich, nass geworden. Aber diesmal wusste der Fischer, woran er sich zu
halten hatte. In der folgenden Nacht wollte er mehr in Erfahrung bringen. Er
hatte keine Ruhe mehr, bevor er nicht wusste, wohin die Frauen die ganze Nacht
über in seinem Boot fuhren und was sie draußen auf dem Meer verrichteten.
Als es dunkel geworden war, versteckte er sich im Heck seines Bootes und harrte
regungslos aus. Als es Mitternacht schlug, erschienen die sieben Frauen wieder,
und jede trug ein Licht bei sich. Sie stiegen in das Boot und als alle Platz
genommen hatten, sagte diejenige, die die Schar anzuführen schien: "Einer für
die eins, einer für die zwei, einer für die drei, einer für die vier, einer für
die fünf, einer für die sechs, einer für die sieben."
Aber das Boot bewegte sich nicht. Es blieb so liegen, wie es lag. Die Anführerin
wandte sich nun an die andern und sprach: " Meine Schwestern, ist denn eine von
euch schwanger?" Sie antworteten ihr alle mit nein. Es muss aber eine schwanger
sein. Diejenige weiß es selbst nur noch nicht."
Und dann sprach sie die Worte: "Einer für die eins, einer für die zwei, einer
für die drei, einer für die vier, einer für die fünf, einer für die sechs, einer
für die sieben, einer für die acht." Das Boot glitt geräuschlos aufs Wasser und
wurde empor getragen wie Rauch vom Winde. Es machte an einem unbekannten Ufer
halt. Die Frauen sprangen an den Strand und folgten einem Pfad. Neugierig
schlich der Fischer ihnen nach. Da sah er sie ein Haus betreten, das sehr
verrufen aussah. Man hörte Geschrei und Gejohle, Flüche und Gelächter. Es war
ein Höllenlärm. Männer gingen ein und aus und erzählten sich gegenseitig
allerhand. Aber sie redeten in einer Sprache, die der Fischer nicht verstand. Es
schien ihm, als sei er in Ägypten. Palmen wuchsen dort. Er schnitt sich einen
Palmenzweig als Beweisstück, dass er alles wirklich erlebt und gesehen hatte,
und eilte zu dem Versteck im Heck seines Bootes.
Die sieben Frauen kamen vor Tagesanbruch zurück. Sie stiegen in das Boot, und
die Anführerin sprach die Formel. Da wurde das Boot empor getragen wie Rauch im
Winde und es hielt an seinem Platz, dort, wo es gelegen hatte. Die Frauen
verließen das Boot und eilten dem Dorfe zu. Sie ließen den Fischer zurück, der
ganz benommen war von dem, was er gesehen hatte.
Als er seinen Nachbarn erzählte, dass er in einer einzigen Nacht in Ägypten
gewesen war, wollte ihm keiner glauben. Da zeigte er ihnen den Palmzweig, den er
aus jenem Lande mitgebracht hatte. Die Nachbarn sagten ihm, dass da Hexerei im
Spiel wäre und dass sein Tun nicht klug gewesen sei. Der Priester des Dorfes
beschwerte sich an jenem Sonntag während seiner Predigt, dass einige seiner
Gläubigen einfach nie die Köpfe senken wollten im Augenblick der Wandlung, wenn
der Geistliche die Glöckchen erklingen ließ. Da kam den Fischer eine Idee. Er
ging zum Priester und sagte ihm, dass es in der Gegend Hexen gäbe. Um sie aber
zu erkennen, müsste man nur Salz vor die Kirchentür streuen. Am folgenden
Sonntag warf der Priester Salz vor die Kirchentür und wartete dort ab, was
geschehen würde.
Als die Glocken läuteten, begaben sich auch sieben schöne, junge Mädchen auf den
Weg zur Kirche. Aber als sie schließlich vor die Kirchentür kamen, blieben sie
plötzlich wie angewurzelt stehen. Sie konnten keinen einzigen Schritt mehr
weitergehen. Der Geistliche hieß sie einzutreten, aber er konnte sagen, was er
wollte, sie konnten nicht über das Salz gehen, was er ausgestreut hatte. Auf
diese Weise wurden die Hexen entdeckt, die es in jenem Dorfe gab.