28. Die drei Spiegel der Zauberin
Ein König hatte nur eine einzige Tochter. Diese aber war ebenso schön wie klug.
Nach dem Tode ihres Vaters bestieg sie den Thron. Bald hatte ein Prinz aus einem
benachbarten Königreich um ihre Hand angehalten. Sie aber sprach: "Ich werde nur
den zum Gemahl nehmen, der drei Dinge zum Geschenk bringen wird: einen
glänzenden Stern, einen silbernen Mond und eine glühende Sonne."
Der Königssohn dachte lange über ihre Worte nach, während er zu seinem Vater
nach Hause ritt. Dort angekommen, erzählte er ihm, was die junge Prinzessin sich
gewünscht und sprach: "Ich werde nun in die weite Welt hinausziehen und nach dem
glänzenden Stern, dem silbernen Mond und der glühenden Sonne suchen."
Der Vater versuchte vergeblich, ihn zurückzuhalten. Und so zog der Königssohn
fort. Er reiste durch viele Länder und Königreiche, durch Städte und Dörfer und
fragte überall nach den drei Dingen. Die reichen Menschen aber besaßen keine
Weisheit, und die Armen hatten keine Einsicht. Da wandte er sich um Rat an die
Vagabunden, Zauberinnen und Zauberer, die, verachtet von reich und arm, durch
die Welt zogen, denn er hatte erkannt, dass sie die wahre Lebensweisheit
besaßen. Aber auch sie konnten ihm nicht weiterhelfen.
Eines Abends wanderte er an einer armseligen Hütte ganz am Ende eines Dorfes
vorbei. Plötzlich vernahm er von dort Seufzen und Stöhnen. Als er eben in die
Hütte hinein- gehen wollte, hielt ihn ein Mann am Ärmel fest und sprach: "Geh da
nicht hinein, Freund, da drinnen stirbt eine Zauberin, eine Hexe!"
Der Prinz aber achtete nicht auf die Worte und ging in die Hütte hinein. Da lag
in der Tat eine Zauberin auf einem Haufen getrockneter Blätter im Sterben. Sie
wandte mühsam den Kopf nach ihm und sprach mit schwacher Stimme: "Schon so lange
warte ich auf dich. Du kommst sehr spät. Du sollst die Dinge bekommen, die du
suchst. Unter einer Bedingung will ich dir dazu verhelfen. Höre, wenn mein Leben
zu Ende sein wird, dann nimm meine Hand in deine und mache das Zeichen des
Kreuzes über mir. Dann aber wirf den Inhalt dieser Flasche nach dem Fußende des
Bettes, denn dort harrt der Teufel auf meine Seele."
Der Königssohn willigte ein und nahm die Flasche an sich. Er erkannte, dass sie
mit Weihwasser gefüllt war. Die Hexe richtete sich ächzend auf und holte unter
den Blättern, auf denen sie ruhte, drei silberne Spiegel hervor. Dann sprach
sie: "Öffne das Fenster! Ich muss der Sonne, dem Mond und den Sternen in ihrem
Lauf folgen können ... und nun komm und gib mir deine Hand!"
Die Zauberin begann nun mit der anderen Hand allerlei seltsame und wunderbare
Zeichen auf den ersten Spiegel zu schreiben und murmelte dabei merkwürdige
Worte. Nach einigen Augenblicken zeigte sich ein heller Punkt auf dem Spiegel,
der immer größer und stärker wurde, bis schließlich ein Stern darin glänzte,
dass es nur so eine Pracht war. "Das ist das eine", sprach die Zauberin.
Sie nahm daraufhin den zweiten Spiegel und begann wiederum dieselben Zeichen zu
schreiben und dieselben Worte zu murmeln. Jedoch dauerte alles diesmal viel
länger als beim ersten Male. Endlich aber breitete sich auf dem zweiten Spiegel
ein silberner Glanz aus. In dem Spiegel lag der Widerschein des silbernen
Mondes. "Das ist das zweite", sprach die Zauberin.
Der Jüngling sah, dass sie mit dem Tode rang. Schweiß rann in dicken Tropfen von
ihrer Stirn, und ihr Atem war keuchend. "Warum bist du nur so spät gekommen",
jammerte sie, "nun weiß ich nicht, ob ich den letzten Zauber noch vollbringen
kann." Sie nahm den dritten Spiegel, schrieb mit letzter Kraft die Zeichen und
murmelte die Worte. Alles dauerte diesmal noch viel länger als die beiden ersten
Male. Mit klopfendem Herzen sah der Königssohn zu. Der Angstschweiß brach ihm
aus, und sein Gesicht war so bleich wie das der sterbenden Hexe. Endlich,
endlich aber war der Zauber vollendet, und in dem dritten Spiegel lag die
glühende Sonne. Die Zauberin reichte ihm den Spiegel und sprach: "Mein Herz
bricht. Denk an dein Ver- sprechen."
Als die Zauberin verschied, machte der Jüngling das Zeichen des Kreuzes über ihr
und warf das Weihwasser nach der Stelle, wo der Teufel hocken musste. Da flog
ein schwarzes Ungeheuer neben ihm mit einem schrecklichen Fluch aus dem Fenster.
Es war der Teufel, der vergeblich gewartet hatte. Das Zimmer aber war voll
Gestank nach Pech und Schwefel. Der Königssohn zog von dannen mit seinen drei
Spiegeln, darin der glänzende Stern, der silberne Mond und die glühende Sonne
eingefangen waren. Als er sie der jungen Prinzessin überbrachte, verwunderte
diese sich sehr, und die Hochzeit ward in großer Pracht gefeiert.