27. Die Kaiserin hat eine rote Nase
Es war einmal - recht lang ist's her - ein Kaiser, der heiraten wollte. Er ist
durch viele Länder geritten, um sich die Kaisertöchter anzuschauen, aber ihm hat
keine gefallen. Einmal ist er aber an einen Hof gekommen zu einem großen
Fürsten, der hat drei Töchter gehabt, von denen die jüngste Tochter zugleich die
schönste gewesen ist.
Aber die Mutter der schönen Prinzessin hat nicht gewollt, dass ihre jüngste
heiratet. Zunächst einmal hat sie gewünscht, dass alle Töchter der Reihe nach
heiraten, also zuerst die erstgeborene, dann die mittlere. Aber außerdem hat sie
die jüngste besonders lieb gehabt. Und als der Kaiser dann um die Hand der
Jüngsten angehalten hat, hat sie gesagt: "Nein, diese nicht, denn die habe ich
Gott versprochen, und sie wird einmal Nonne werden."
Aber der Kaiser war ein mächtiger Mann, und der Vater des Mädchens hat gedacht:
"So einen Schwiegersohn wie den Kaiser finde ich nie wieder!" Und er hat
zugesagt, auch wenn sich seine Frau sehr gesträubt hat. Aber die Mutter hat
gesagt: "Gott soll euch alle strafen! Und wenn meine Tochter je eine Tochter
bekommt, so soll sie eine Nase haben rot wie ein Rubin!"
Alle haben über diese Worte gelacht!
aber wehe! aber wehe!
ein Jahr später hat die Kaiserin ein Mädchen geboren, das hatte eine Nase,
leuchtend rot wie ein Rubin. Die Nase war so, dass man sie selbst im Halbdunkel
hat funkeln gesehen. Und als man das Kind der Mutter gezeigt hat, der Kaiserin,
da hat sie bitterlich geweint. Nun, der Kaiser hat dafür gesorgt, dass niemand
außer der Hebamme das Kind gesehen hat. Er hat einen hohen Turm bauen lassen,
der hatte nur unten eine Türe und ganz oben drei Fenster. Und in diesen Turm hat
man den Säugling gebracht, und man hat eine Amme besorgt, die blind war, und
eine blinde Köchin und eine Blinde als Dienerin. Und niemand in jenem
Kaiserreich hat gewusst, dass die Prinzessin eine rote Nase gehabt hat.
Es vergehen die Jahre, die Kaisertochter ist groß geworden. Sie durfte nur
nachts aus dem Turm heraus, um im Garten spazieren zu gehen oder zu ihren Eltern
zu kommen. Und wenn sie am Sonntag oder an Feiertagen in die Kirche gegangen
ist, dann hat sie nur verschleiert gehen dürfen. Und so hat niemand erfahren,
dass sie eine rote Nase gehabt hat.
Weil die Kaiserin keine andern Kinder gehabt hat, ist bekannt geworden, dass der
Bräutigam der Prinzessin einmal auch das ganze Reich erben würde. Und so oft ein
Freier gekommen ist, um die Hand der Prinzessin anzuhalten, hat man ein Mahl im
großen Saal des kaiserlichen Palastes veranstaltet, und von einem Balkon mit
Gittern hat die Prinzessin zugeschaut, und dann hat sie ihr Vater gefragt:
"Willst du diesen Kaisersohn heiraten?" Aber lange Zeit ist keiner gekommen,
welcher der Prinzessin mit der roten Nase gefallen hätte. Eines Tages jedoch kam
ein hübscher und gewandter Bursche, der Sohn des Kaisers von Rom. Als die
Prinzessin ihn gesehen hat, da hat sie sich gleich in ihn verliebt. Und sie hat
hernach zu ihrem Vater gesagt: "Vater, diesen wünsch ich mir als Gatten."
Der Prinz von Rom hat begehrt, die Prinzessin zu sehen, aber der Kaiser, der
Vater der Prinzessin hat gesagt: "Es ist bei uns zu Lande nicht die Sitte, die
Braut vor der Hochzeit zu zeigen." Und der Prinz hat die Mutter angesehen, die
sehr schön war, und er hat bei sich gedacht: "Eine so schöne Mutter kann keine
hässliche Tochter haben." Und so hat er um die Hand der Prinzessin angehalten.
Zur Hochzeit ist die Prinzessin wie immer tief verschleiert gegangen, und auch
beim Hochzeitsmahl hat sie den Schleier nicht abgenommen. Und als sie am Abend
in ihr Schlafzimmer gegangen ist, hat sie alle Kerzen ausgeblasen. Der Sohn des
Kaisers von Rom hat sie im Dunkeln umarmt und geküsst, und er hat sich in sie
verliebt, ohne sie richtig gesehen zu haben. Und als sie so einige Wochen
zusammen vergnügt gelebt haben... am Tage war die Prinzessin immer verschleiert,
und in der Nacht war das Zimmer ohne Licht... ist eine Botschaft gekommen, dass
der Kaiser von Rom gestorben war. Und das junge Paar musste abreisen.
Der Kaiser hat seinem Schwiegersohn gesagt, dass seine Tochter eine sehr
empfindliche Haut habe und, dass er dafür sorgen möge, dass nie ein Lichtstrahl
ihr Gesicht träfe, weil die Haut sonst runzeln würde. Und der Prinz, der nun
Kaiser von Rom geworden war, sorgte dafür, dass auch in seinem Palast alles so
gemacht wurde wie im Palast seines Schwiegervaters.
Und als die Kaiserin dort eine Dienerin genommen hat, da hat sie zu ihr gesagt:
"Schwöre mir, dass du - wenn du mich ohne Bedeckung siehst und ein geheimes
Gebrechen an mir bemerkst - zu keinem Menschen davon sprechen wirst!" - "Ich
schwöre es!" Hat die Dienerin gesagt. Und bald einmal, als sie der Kaiserin beim
Baden helfen musste, hat die Dienerin gesehen, dass die Kaiserin eine Nase hat,
die rot ist wie ein Rubin und glänzt wie eine Lampe. Sie ist sehr erschrocken,
aber sie hat nichts gesagt.
Auch die andern Leute von der Dienerschaft haben gemerkt, dass mit dieser
Leibdienerin der Kaiserin etwas los ist, dass sie nicht mehr so war wie früher.
Sie war auf einmal so ängstlich und so verschlossen. Und wenn man sie
angesprochen hat, hat sie angefangen zu zittern. Und sie haben sich nicht
erklären können, was mit ihr los sei, und sie haben sie jeden Tag bestürmt mit
Fragen.
Und die Dienerin war ganz verzweifelt, denn einmal hat sie ihren Schwur nicht
brechen wollen und zum andern hat sie nicht gewusst, wie sie es aushalten solle,
ohne von der roten Nase der Kaiserin zu reden. Und als sie gar nicht mehr ein
noch aus gewusst hat, da ist sie einmal im Garten spazieren gegangen, und als
sie sich ganz allein am Teich gesehen hat, da hat sie übers Wasser hingemurmelt:
"Die Kaiserin hat eine rote Nase! Die Kaiserin hat eine rote Nase! Die Kaiserin
hat eine rote Nase!"
Und sogleich hat sie sich leichter gefühlt, und als sie in den Palast
zurückgekommen ist und sie die andern Dienerinnen gefragt haben: "Was ist mit
dir?", da hat sie gesagt: "Gar nichts. Aber einige Wochen habe ich mich nicht
wohl gefühlt, ich weiß auch nicht, warum. Es wird wohl eine Magenverstimmung
gewesen sein."
Und auch später hat es der Dienerin gar nichts mehr ausgemacht, dass die
Kaiserin eine rote Nase habe und sie nicht davon sprechen dürfte.
Aber das, was sie übers Wasser gemurmelt hatte, klang weiter bis zu dem
Schilfrohrgebüsch. Und - wie es der Zufall will - aus diesem Schilfrohr schnitt
sich ein Jahr später ein junger Hirt eine Pfeife, weil seine alte Pfeife
zerbrochen war. Und als er mit seinen Schafen aus dein Garten des kaiserlichen
Palastes hinaus und durch die Stadt zog, begann er auf der Straße zu blasen, und
wenn er geblasen hat, dann konnte man hören, dass diese Schalmei Worte gesungen
hat, und diese Worte haben so geklungen: "Die Kaiserin hat eine rote Nase, die
Kaiserin hat eine rote Nase."
Und alle Menschen in der Stadt haben zu lachen angefangen, und das Gelächter war
so laut, dass man es bis in den Palast des Kaisers gehört hat. Und als der
Kaiser gehört hat, dass die ganze Stadt lacht, hat er einem Diener gesagt: "Geh
einmal hin und sieh nach, warum die Menschen so laut lachen!" Und der Diener ist
hingegangen, und er kommt wieder - ganz verlegen ist er - und sagt: "Gebieter,
Kaiser, es ist fürchterlich! Ein junger Bursche, ein Hirt, zieht mit seinen
Schafen durch die Stadt und bläst auf einer Schalmei, und die Schalmei singt.
"Die Kaiserin hat eine rote Nase!" Und die Leute lachen darüber ganz laut.
Da hat der Kaiser gesagt: "Geh hin und bringe diesen Burschen und seine Schalmei
zu mir!" Der Diener ist gelaufen und hat den Hirten mit seiner Schalmei geholt,
und die Schafe sind vor dem Tor stehen geblieben.
Der Kaiser aber hat den Hirten ganz erzürnt angebrüllt: "Unverschämter, was
erdreistest du dich da zu blasen?" - "Herrscher", hat der Hirt gesagt, "ich sage
gar nichts, denn diese Schalmei singt, ohne dass ich es will." - "Gib her", hat
der Kaiser gesagt, "das wird sich gleich erweisen. Wenn du gelogen hast, bist du
des Todes!" Und der Bursche hat ihm die Schalmei gegeben. Aber sobald der Kaiser
angefangen hat, darauf zu blasen, hat die Schalmei gesungen: "Die Kaiserin hat
eine rote Nase, die Kaiserin ... " Da hat der Kaiser gleich wieder aufgehört.
Er hat die Schalmei übers Knie gebrochen, dem Burschen aber hat er gesagt:
"Woher hast du dieses unglückliche Rohr?" Da hat ihm der Bursche bekannt, dass
er es im Garten des Palastes geschnitten habe. Der Kaiser gibt nun dem Burschen
ein Goldstück und sagt: "Nimm das hier und schweige, wenn dir dein Leben lieb
ist! Nimm deine Herde und verlasse meinen Garten zum Hinterausgang und zieh in
die Berge hinauf. Und blase nie wieder im Leben auf einer Schalmei!" Der Hirt
hat dies versprochen und ist davongegangen.
Der Kaiser aber läuft ins Gemach der Kaiserin und sagt: "Was hältst du von
dieser Geschichte?" Und er erzählt ihr alles. Die Kaiserin aber fängt an zu
weinen und sagt: "Ich bin unschuldig an allem. " Der Kaiser ist sehr gekränkt,
aber er hat seine Frau lieb gehabt wie zuvor. Heimlich hat er nach Ärzten
ausgesandt, und er hat ihnen Gold gegeben und sie gebeten, die Kaiserin zu
heilen, und die haben verschiedene Salben und Tinkturen gebracht, Mittel zum
Einnehmen und Wasser zum Waschen. Aber nichts hat geholfen.
Der Kaiser ist von Tag zu Tag trübseliger geworden, er hat mit seiner Frau den
Palast verlassen und zusammen mit der Dienerin, die über das Wasser gemurmelt
hatte, sind sie in einem einsam gelegenen hohen Turm gezogen. Dort haben sie
gelebt wie Einsiedler.
Es sind Jahre vergangen, die Kaiserin hat einen Sohn geboren, der war fleckenlos
und schön. Aber der Kaiser ist sehr menschenscheu gewesen und hat nicht mehr in
die Stadt zurückkehren wollen. Er ist nur des Nachts ausgegangen, dann ist er
auch in den Palast gekommen und hat dort erledigt, was zu erledigen war.
In einer Nacht hat der Kaiser auch seine Geschäfte im Palast erledigt, seine
Briefe geschrieben und seine Weisungen hinterlassen, und nun geht er wieder
durch die Stadt zu einem Tor, das für ihn immer offen stehen muss, um zu seinem
Turm weit vor der Stadt zurückzukehren. Wie der Kaiser so geht, hört er ein
kleines Kind weinen, und als er dem Weinen nachgeht, findet er ein in Windeln
gewickeltes kleines Kind, das jemand ausgesetzt haben muss.
Der Kaiser ist eine sehr mitleidige Seele gewesen, und er nimmt das Kind auf und
sagt sich: "Wenn unser Sohn aufwächst, hat er gleich einen Spielgefährten, denn
andere Kinder können wir im Turm nicht brauchen." Und als er mit dem Kind in den
Armen heimkommt, ist die Kaiserin zum ersten Mal wieder fröhlich gewesen. Und
weil sie dort keine Amme hatten und der Prinz gerade abgestillt ist, hat die
Kaiserin dem kleinen weinenden Kind gleich die Brust gegeben. Und das Kind hat
getrunken und ist ruhig eingeschlafen. Und als die Kaiserin es gewaschen hat, da
hat sie gesehen, dass es ein Mädchen ist.
Was soll ich sagen! Die Kaiserin stillt also das fremde Mädchen, und je länger
sie es stillt, um so weißer wird ihre Nase. Und nach einigen Wochen war ihre
Nase so wie die aller andern Menschen. Nun hat sie den Schleier abgenommen und
hat gesagt: "Gemahl, schau her!" Und der Kaiser hat die Kaiserin angeschaut, und
er sagt: "Träume ich oder wache ich? Du hast ja eine ganz weiße Nase!"
Und sie haben gelacht, dass man es bis in die Stadt gehört hat. Und dort sind
die Menschen erschrocken, und sie haben gesagt: "Unser armer Kaiser! Unsere arme
Kaiserin! Nun müssen sie ganz verrückt geworden sein. Der Kaiser war ja lange
schon so seltsam." Und die Kaiserin hat das angenommene Mädchen auf den Arm
genommen, nachdem sie den Schleier weggeworfen hat, und der Kaiser nimmt seinen
Sohn auf den Arm, und so gehen sie am hellen Tage durch die Stadt, und alle
Menschen kommen auf die Straßen und an die Fenster und auf die Balkone, und sie
rufen vergnügt: "Unser Kaiser kommt wieder heim, und unsere Kaiserin kommt auch,
und sie haben zwei Kinder!" Und alle haben gejubelt. Nur ein kleiner frecher
Kerl hat geschrieen: "Die Kaiserin hat eine rote Nase!" Aber sein Vater hat ihm
eine Ohrfeige gegeben und gesagt: "Du Schandmaul! Hast du keine Augen im Kopf?
Siehst du nicht, dass die Kaiserin eine Nase hat wie du und ich?" So ist es
gewesen, und man sagt, dass zwanzig Jahre später der Sohn des Kaisers jenes
Mädchen geheiratet hat, das sein Vater von der Straße mitgenommen hatte. Und so
lebten sie vergnügt und selig und wir mögen noch seliger leben.