25. Sybille von der Teck
Tief unten im Sibyllenloch am Fuße des Teckfelsens hauste die Sibylle. In ihrem
unterirdischen Schloss hielt sie ungeheure Schätze an Gold und Edelsteinen
verborgen. Sie war eine schöne und weise Frau. Sie wusste um alle Dinge und sah
die Zukunft voraus. Den Menschen im Tale tat sie Gutes, wo sie nur konnte.
Vielen, die sie um Rat baten, half sie in der Bedrängnis, und kein Armer, der
sich in seiner Not an sie wandte, stieg vergeblich den steilen Weg zu ihr empor.
Leider aber waren die drei Söhne der Sibylle nicht von der Art ihrer Mutter und
bereiteten ihr viel Kummer. Jeder von ihnen baute sich eine eigene Burg nahe der
Teck, denn sie lebten untereinander in Unfrieden. Der eine baute seine Burg auf
der Rauber, der andere auf dem Wielandstein, der dritte ließ sich die
Diepoldsburg erstellen. Von diesen Felsennestern aus plagten sie die Bauern und
plünderten die durchziehenden Kaufleute aus. Auch gegenseitig machten sich die
Brüder das Leben schwer und machten sich die Beute streitig. Am ärgsten aber
trieb es der Jüngste, der seine Brüder und sogar seine Mutter bestahl, von der
er darum den Beinamen "der Rauber" erhielt. Dieser Name ist seiner Burg, von der
nur noch wenige Mauerreste stehen, geblieben bis auf den heutigen Tag.
Aus Gram über die Untaten und die Feindschaft ihrer Kinder
beschloß Sibylle endlich, ihr Schloß und das Land zu verlassen. Auf einem
goldenen Wagen, der von zwei großen Katzen gezogen wurde, fuhr sie eines Abends
aus ihrer Höhle talab durch die Lüfte. Ihre langen roten Haare umwehten sie.
Niemand weiß, wohin sie gegangen ist. Alljährlich aber, wenn die Frucht zu
reifen beginnt, kann man eine Stunde weit den Teckberg hinab, über den
Kahlenberg und den Götzenbrühl und dann weiter die Weinberge empor den Weg
verfolgen, den sie gefahren ist. Die Spur ihres Wagens kann man deutlich sehen:
Die Wiesen sind dort üppiger grün, das Korn trägt größere und goldenere Ähren,
und das Brot, das daraus gebacken wird, schmeckt besser als alles andere Brot
der Welt. Dies ist der letzte Segen, den die gute Sibylle den Menschen drunten
im Tal hinterlassen hat. Die Spur ihres Wagens nennt man heute noch die
"Sibyllenfahrt".