21. Der Rottweiler Esel
Die Bürger von Rottweil fanden einst, als ihre Stadt noch eine freie Reichsstadt
war, einen großen Kürbis auf dem Felde und hielten ihn für ein Ei. Allerdings
vermochten sie es nicht herauszubringen, was für ein Vogel es wohl gelegt haben
könnte. Sie beschlossen daher, um Klarheit zu bekommen, dass der Bürgermeister
es ausbrüten solle. Da half kein Weigern und Widerreden des Bürgermeisters, es
wurde ihm einfach eine Frist gesetzt, in der er das Ei auszubrüten habe. Als nun
nach Verlauf der bestimmten Zeit nichts lebendiges zum Vorschein kommen wollte,
beschloss man das Ei, weil es vielleicht schon faul geworden, über die Mauer zu
werfen. Und das tat man auch. Wie aber der Kürbis auf die Erde fiel und mit
einem lauten Knall zerplatzte, da sprang ganz erschreckt ein Hase, der an der
Mauer geschlafen hatte, auf und davon, so dass man hätte glauben können, er sei
aus dem Kürbis oder dem Ei herausgekommen. Die Rottweiler glaubten das auch
steif und fest und schrieen, als sie das langohrige Tier davonlaufen sahen: "Da
schaut, ein Esel!" Seitdem führen die Rottweiler den Spottnamen Esel.
Ein Maler, der die Geschichte kannte, malte einen Esel auf die Stadtfahne von
Rottweil. Bei seinem Werk malte er die Flucht Christi nach Ägypten mit
Wasserfarben auf die Fahne, nur für den Esel benutzte er Ölfarbe. Als nun bei
einer Prozession einmal ein heftiger Regen fiel, wurden die Wasserfarben
verwischt und fast ausgelöscht. Nur der Esel allein blieb übrig.