20. Der Herr von Falkenstein
Ein Ritter aus dem Kinzigtal namens Kuno von Stein wollte unter Gottfried von
Boillon das heilige Grab erobern helfen. Er nahm daher Abschied von seiner
Gemahlin mit den Worten: "Wenn ich nach Jahresfrist nicht wieder hier bin, dann
bin ich tot, und du darfst nicht länger auf mich warten."
Vor Jerusalem geriet der Ritter in die Gefangenschaft der Sarazenen, wurde als
Sklave verkauft und musste nun den Pflug ziehen und das Feld umackern. So
verstrich ein Jahr. Wie er nun in einer schlaflosen Nacht seiner Heimat und
seines Weibes gedachte, trat ein kleines Männlein, das aber der Teufel war, zu
ihm heran und versprach, ihn noch vor Anbruch des Tages zu den Seinen unter
folgender Bedingung zurückzubringen: Bleibe der Ritter während der ganzen Nacht
wach, so wolle das Männlein ihn umsonst hinschaffen, schlafe er aber ein, dann
solle er mit Leib und Leben dem Männlein verfallen sein.
Der Vertrag wurde schriftlich aufgesetzt, und sogleich befand sich der Ritter
auf dem Rücken eines Löwen und flog hoch über den Wolken über Meer und Land
dahin.
Wie er nun so dahinfuhr, überfiel ihn mit einem Male eine unüberwindliche
Müdigkeit. Er wollte eben einschlummern, als er plötzlich einen Schlag ins
Gesicht bekam. Er fuhr auf und erblickte einen weißen Falken über sich schweben.
Aber der Schlaf übermannte ihn fast ein zweites und drittes Mal, doch immer
wurde er von dem weißen Falken geweckt.
Endlich dämmerte der Morgen. Der Ritter sah bereits tief unten die Zinnen seiner
Burg liegen. Schon senkte sich der Löwe herab und ließ sich vor den Toren der
Burg nieder. Im gleichen Augenblick fiel der Pergamentstreifen, auf dem der
Ritter sich dem Teufel verschrieben hatte, zerrissen zu des Ritters Füßen
nieder. Ein heftiger Sturm brach aus und tobte um die Burg, bis die Sonne
aufging. . Da sah der Ritter den weißen Falken auf dem Schlossturm sitzen. Der
Vogel verließ die Burg nicht mehr und kehrte nach seinen Flügen immer wieder auf
sie zurück.
Zum Andenken nahm der Ritter den Falken in sein Wappen auf und nannte die Burg
und sein Geschlecht nach ihm Falkenstein.