16. Der Einsiedler

Es muss vor langen, langen Jahren gewesen sein. Im Tale von Wittichen und Kaltbrunn lebten damals nur wenige Leute. Diese aber mussten ihrer Herrschaft gar hart fronen mit Burgen- und Wegbauten, mit Wald- und Feldarbeit. Der Junker Burghard war ein harter Mann, ein gewaltiger Jäger, der am liebsten draußen in Berg und Wald herumstreifte; was fragte der nach den Matten und Feldern seiner Untertanen, wenn es galt, das Wild zu jagen.
Da geschah es wieder einmal, dass der Schlossherr eines Tages seine Bauern zur Jagd bestellte. Alles musste, was als Treiber brauchbar war, hinauf aufs Schloss, statt die Ernte heim in die sichere Scheune zu bringen. Ein schweres Gewitter zog noch selbigen Tages das Kinzigtal herauf; eine drückende Schwüle lastete über Mensch und Getier

Und da brach das Wetter auch schon los. Aus schwefelgelben Wolkenwänden zuckte Strahl auf Strahl, von fürchterlichem Donnergetöse begleitet, dass es in den Waldungen und an den Bergwänden entlang widerhallte, als wollte der jüngste Tag anbrechen. Den Treibern war in ihrem Wald so bang um Haus und Hof, um Weib und Kind, wie um ihr eigenes Leben; die Ernte war vernichtet. Die Waldleute aber machten ihrer Wut gegen den frevelhaften Junker Luft, und aus der Brust des ältesten rang sich der schwere Fluch. "Wenn nur das Donnerwetter die ganze Brut zusammenschlagen würde". Kaum hatte er ausgesprochen, da wurde das ganze Tal von einem furchtbaren Schlag erschüttert, als sollte die Erde gespalten werden. Drüben auf der Höhe des Burgfelsens aber stieg sogleich eine mächtige Feuerlohe gegen den Himmel, die alles, was sich auf der Burg befand, in wenigen Augenblicken verzehrte.

Seine Burg hat der Junker später nicht mehr aufgebaut; er kehrte Welt und Menschen den Rücken und zog hinauf in seinen Wald an die Stelle, wo ihn auf der letzten Jagd das Unwetter überrascht hatte. Dort erstellte er sich mit eigenen Händen eine kleine Hütte, in der er als Einsiedler seine Tage zubrachte, bis er dann in ein fernes Kloster eintrat, wo er seinen freudelosen Lebensabend verbrachte. Das Brünnlein hinter dem Silberberg, das in seiner Einsamkeit ihm oft die heiße Stirne kühlte, heisst aber heute noch der Einsiedlerbrunnen.