14. Der Klosterraub
Eine dunkle Adventsnacht senkt sich über die Bergwelt des oberen Kinzigtales. In
mächtigen Stößen treibt der West kalte Regenschauer ins enge Waldtal herein,
peitscht die hochstrebenden Tannen, dass ein Ächzen und Stöhnen durch die Forste
geht, als sollten dieselben unter den Schlägen des Windes zusammenbrechen. Kein
Mensch wagt sich in solchen Nächten hinaus, in denen, nach des Volkes Glauben,
die Geister umgehen.
Im einsamen Waldtal liegt in schwarze Nacht gehüllt das Kloster Wittichen. Um seine altersgrauen Mauern heult der Sturm. Mitternacht ist längst vorüber. Da flackert ein kurzer Lichtschein auf, nochmals und nochmals, tastet sich an den Mauern hoch, bis er oben an einem offenen Fenster anschlägt. Eine Leiter lehnt sich geräuschlos an die Wand. Über ihre Sprossen huscht eine dunkle Gestalt hinauf, schwingt sich auf die Fensterbrüstung und ist im Augenblick im Innern des Klosters verschwunden.
Muffige Bücherluft umweht den Einbrecher. Er ist in den Bibliotheksraum eingedrungen. Im Kloster ist alles still, und so kann er in Ruhe die Kästen und Truhen durchstöbern. Doch sein Mühen ist vergeblich. Vermeinte er etwa Geld oder Kostbarkeiten zu erbeuten, so sieht er sich sehr enttäuscht. Nur Schriften und Bücher und wieder Schriften auf hohen Schäften ringsumher. Voll Wut über sein Missgeschick greift er nach einem mächtigen Bündel alter Blätter, wirft sie zum Fenster hinaus und verlässt auf demselben Wege wie gekommen das Kloster. Unten rafft er die Blätter zusammen, trägt sie zum Gallusberg und verbrennt sie dort.
Der Einbruch wird erst am anderen Tag entdeckt, den Dieb hat man aber nie gefasst. Ihm waren wertvolle Handschriften in die Finger geraten, der Schaden für das Kloster war unersetzlich.
Die frommen Nonnen haben den Dieb nicht mit in ihr Gebet eingeschlossen; er soll nach ihrem Wunsche selbst im Grabe keine Ruhe finden. So konnte man fürderhin in gewissen Adventsnächten an den Hängen des Gallusberges ein einsames Lichtlein sehen, das unruhig flackernd hangauf, hangab irrte und suchend durch die Finsternis tastete. Es war der Geist des verwunschenen Einbrechers, der seine alte Schuld sühnte.