Junge Schiltacher machen sich auf den Weg zum Einsiedler in der Moosmannhöhle bei Lauterbach im Jahre 1927. Es folgt ein Erlebnisbericht meiner Großmutter Luise Schmidtke, geb. Laib , geb. am 31.07.1908 :

(Der Bericht ist Bestandteil ihres Briefes an ihre ältere Schwester Lisbeth).
                                                                                              
Schiltach 13. Feb. 1927

                                         Meine liebe Lisbeth!

Nun kann ich Dir endlich etwas näheres über unseren Einsiedler schreiben. Schon lange hatten wir vor ihn zu besuchen, aber immer blieb der Plan unausgeführt. Doch vorgestern, Freitags, gingen wir endlich, und zwar : Walter und Karl als Pfadfinder und Else Deusch, Emma Koch, Mina Reuter, Mina Schmalz und ich als „Gefolge“. Wie gewöhnlich fuhren wir um ½ /2 nach Schramberg. Von dort gings zu Fuß nach Lauterbach. Dort über nasse, aufgetaute Wiesen bis in einen gefrorenen Waldweg.

Je näher wir zur Höhe kamen um so tiefer wurde der Schnee. Als wir etwa ½ Std. so gegangen waren, meist sehr steil, merkten alle, dass man auf dem falschen Weg war. Es war gut, dass ganz in der Nähe ein Bauernhof stand, wo man sich befragen konnte. Auf deren Rat mussten wir durch den Wald und einen tiefen Schnee durchstampfen bis wir den richtigen Fuhrweg hatten. Nach fast wieder einer ½ Std. gelangten wir vor die Höhle.

Uns Mädchen grauste es furchtbar als wir, vom Schnee geblendet, in die dunkle Höhle sahen, wo sich das bleiche Gesicht des Siedlers erhob.
Aber ein freundliches „Grüss Gott“ tönte uns entgegen. Dann rief er : „Woher seid Ihr?“ - „Von Schiltach“. - „Sind Jungfrauen dabei?“ - „Ja lauter“. - „Es soll eine hereinkommen. Aber nur eine.“-


Als wir zögerten, keine wollte die Erste sein, wiederholte er den Ruf. Wohl oder über musste nun eine hinein. Und diese war – ich. Eine schreckliche Angst hatte ich, aber seine freundlichen blauen Augen ließen mich nicht mehr zögern.

„Wie heißt Du?“- „Luise“.- „So, so, wie alt bist Du?“ - „Achzehn“. „Mädchen in diesem Alter habe ich am Gernsten hier. Nun mache Licht. Hier sind Kerzen und Streichhölzer. --- Und jetzt zünde an dem kleinen Tannenbaum die 3 Lichter an. Sie bedeuten Vater, Sohn und heiliger Geist. -- Und nun setze Dich auch auf den Thron dort.“ - Ich tat alles, aber hatte doch noch eine gewisse Angst dabei. Doch darüber war auch bald geholfen, denn ich wusste ja auch vor der Höhle stehen die anderen und schauen
herein.

Doch kann man das nur in gebückter Stellung, da die Höhle sehr nieder ist und man darin nicht aufrecht stehen kann. Er lag auf seinem dürftigen Lager nackt, nur mit seinem Mantel zugedeckt. Aber so, dass man keinen Anstoß daran nehmen kann. Zu Häupten seines Bettes ist ein selbst gezimmertes Tischchen, auf welchem er als Dichter seine verschiedenen Schriftsachen aufhebt. Zu oberst lag ein frisch beschriebenes Blatt. Er hat eine schöne Schrift. Da wäre ich froh gewesen, wenn ich ein wenig Graphologie gekonnt hätte.

Hinter dem Tisch ist der Fels erhöht. Auf diesem ist der Tannenbaum, dem aber die Krone abgebrannt ist, eingepflanzt. Neben dem Tisch ist der Thron auf welchem ich dann die Ehre hatte ihn zu besetzen. Er besteht aus Steinen, auf denen zu oberst ein einfaches Polster lag, gefüllt mit Heu. Rechts vom Thron befindet sich der Herd. Ohne allen Luxus, aus Steinen, so dass sein kleines Kochtöpfchen gerade Platz hat. Es wies gerade eingeweichte Erbsen auf.

Zunächst dieses Herdchens ist die so genannte “Speisekammer“. Aber auch so einfach wie möglich. Dorthin legte ich unsere mitgebrachten Sachen. Er freut sich nämlich sehr, wenn man ihm was bringt. Aber es dürfen nur Natursachen sein z.B. Erdnüsse,
Feigen, Orangen usw. - Das ist die ganze Einrichtung.

Als ich mich gemütlich auf den Thron gesetzt hatte begann er : „Hier Luise siehst Du mich im Bett. Ich bin wohl nackt aber nackte Arme und Brust sieht man bei Turnern auch. Nicht aber, dass Du meinest Du würdest hier Flöhe und Läuse holen, solche gibt es bei mir nicht. Ich bin ganz rein, was bei jungen Mädchen nicht der Fall ist.“ - Dagegen wehrte ich mich aber ganz energisch.

„Mein Bett ist, wie Du siehst ganz einfach. Es besteht auch aus lauter Sachen, die nichts luxuriöses aufzuweisen haben. Zu unterst sind Steine. Je härter man liegt um so gesünder ist man. Auf den Steinen ist Tannreis, dann kommt ein Sack mit Heu. Auf diesem liege ich wie Du siehst.
Mein Kopfkissen besteht aus dem Rucksack mit dem ich hergewandert bin. Die Decke über mir ist gefüllt mit Farnkraut. Und das ist gerade das, was mir das Ungeziefer abhält. Was meinst Du, in meinen langen Haaren würden sie sich wohl fühlen.“

Dann erzählte er alles mögliche. Auf meine Frage, was er sei, ob katholisch oder so was sei, antwortete er :“Ich bin ein Germane. Hier in der Höhle siehst Du viele Runen. Das sind germanische Zeichen.“ Dann folgte eine fast endlose Erklärung dieser. Aber gelangweilt fühlte ich mich durchaus nicht. Bei dieser Gelegenheit sah ich das Bild seiner Eltern. Es sind sehr nette Leute.

Seine Heimat war in Sachsen auf einem Rittergut. Er selbst studierte Arzt. Dann besuchte er die Kunstakademie. Er zeichnet sehr schön. Bis im Frühjahr wird er uns zeichnen. Als ich ihm das Bild seiner Eltern zurückgab sagte er ich sei die erste, der er das Bild zeigte, wenn ich wiederkomme dürfe ich noch andre sehn. Auf meine Frage obs die anderen auch sehn dürften, fuhr er mich etwas streng an. Es dürftens  auch nach mir niemand mehr sehn.


Viele Zeichen, die er „Runen“ nennt befinden sich an den Wänden der Höhle. Darunter auch X. Jedes Zeichen wurde aufs Eingehenste erklärt. Ich saß eine gute Stunde auf dem Thron, wusste aber nicht, dass die anderen so sehr froren. Endlich gaben
sie mir durch Winke zu verstehen, dass ich kommen sollte.

Nach mir ging noch jede „Jungfrau“ hinein. (Männer dürfen die Höhle nicht betreten.) Jedes wurde nach dem Alter und Namen gefragt. So verging die Zeit schnell. Etwa 2 Stunden hatten wir oben zugebracht. Als wir uns vom Einsiedler verabschiedet hatten, stampften wir wieder durch den tiefen Schnee zurück. Stellenweise ist er 60 cm tief. Da gab es zu waten.


Zuletzt wollten wir noch den Weg abkürzen. Kamen aber dadurch in ein solches Wirrwarr von gefällten Bäumen, dass man nicht gut von der Stelle kam. Jeden Augenblick fiel ein anderes. Das wurde dann mit fröhlichem Lachen begrüßt. Auch fehlte es nicht an Schneeballen. Ach da hättest Du sollen dabei sein. Mit Freude denke ich an den schönen Tag zurück.

Gib bitte auch Hermine dieses zu lesen, da es mir zu viel wäre zum noch mal schreiben. Wie schön wäre es, wenn Ihr mal kommen könntet. Dann würden wir den Einsiedler besuchen. Auch für Theo und Helmi wäre es interessant, da der Mann gescheit ist.
Morgen bekomme ich ein Bild von einem Mädchen in der Nähschule. Dessen Bruder hat ihn photographiert in der Höhle. Es ist nur nicht ganz genau. Doch die Hauptsache ist gut zu sehn. Ich hoffe, dass Du alles lesen kannst und verstehst.
Ich will jetzt Schluss machen, da es Zeit ist zum Abendkochen.- Grüße an alle.
Sei Du aber besonders gegrüßt von Deiner Luise


Meine Großmutter hat kurze Zeit später den „Pfadfinder“ Walter Schmidtke geheiratet. Er stammte aus Tilsit, fand während der großen Arbeitslosigkeit in den 20er Jahren bei Junghans in Hinterlehengericht eine Schlosserstelle, verliebte sich, hinterließ bereits 1937 meine Großmutter mit 4 kleinen Söhnen.
Ihr Unternehmungsgeist und ihre Beherztheit spiegelt sich in ihrem jugendlichen Erlebnisbericht wieder.


Meine Großmutter mit den Katzen